Itzehoe (bg) – Vor nunmehr 80 Jahren, am 8. September 1946, kamen die Spitzen aus Stadt und Kreis zusammen, um im Beisein von Gyula Trebitsch und Fritz Höger ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus einzuweihen. Es war das erste seiner Art in Nordeuropa.
Architekt Fritz Höger hatte im Auftrag des Initiators Gyula Trebitsch ein vergleichsweise kleines Bauwerk entworfen. Vier flügelartig angeordnete Steinplatten flankieren eine Stele aus Backsteinen. Während die Steinplatten Zitate großer Schriftsteller zum Thema Freiheit tragen, ragt die Stele weit über den Metallzaun hinaus, der das Denkmal umgibt. Ganz oben befindet sich eine Feuerschale, die ursprünglich an eine Gasleitung angeschlossen war, sodass dort früher tatsächlich ein Feuer brannte.
Außerdem gehört eine einfache Rundbank zum Mahnmal. „Sie sollte auch von Leuten wie ihm genutzt werden“, sagte Gyula Trebitsch 1992 in einem Interview mit dem Journalisten Michael Legband. Er meinte damit Fritz Höger, der sich anfangs für den Nationalsozialismus stark gemacht hatte und seine Entscheidungen später immer weiter hinterfragt hatte. „Sie sollten hier still und leise sitzen und über sich nachdenken, sich fragen, warum sie nicht die Kraft gefunden hatten aufzustehen.“
Die Einweihung des Denkmals hatte für großes Medienecho gesorgt und selbst in der Wochenschau – einer Nachrichtensendung, die vor dem Hauptfilm in Kino gezeigt wurde – war darüber berichtet worden. Doch dieses Gedenken währte nicht lange. Nur wenige Monate später schändeten ehemalige Hitlerjungen im April 1947 das Mahnmal und versuchten, es einzureißen.
Die ersten beiden Gedenktage 1947 und 1948 wurden noch mit einem ganztätigen Programm begangen. Doch schon 1949 begann der Dornröschenschlaf des Mahnmals, als aus dem Gedenktag nur noch eine Gedenkstunde wurde. Und als 1950 ein Ehrenmal für die gefallenen Soldaten des Krieges auf dem damals sogenannten Galgenberg – dem heutigen Geschichtenberg – eingeweiht wurde, fanden dort die Gedenken für die Opfer des Krieges statt.
Im Dezember 1956 forderte der Magistrat der Stadt Itzehoe den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) auf, seine Feier zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus am 1. Mai einzustellen. Stattdessen könnte man zum „Tag der Deutschen Einheit“ am 17. Juni dem Widerstand im Allgemeinen gedenken wie zum Beispiel im Nationalsozialismus oder in der sowjetischen Bestzungszone in Ostberlin.
Im Mai 1957 schließlich beschloss der Magistrat, auch das Mahnmal zu entfernen. Statt der zentralen Stelle bei den Malzmüllerwiesen, die eh gerade für das Stadtjubiläum umgebaut wurde, kam es in den Stadtpark – ehemals Adolf-Hitler-Park, heute Cirencester-Park. Dort verschwand es im Schatten einer Baumgruppe.
Kurz wachte das Mahnmal aus seinem Schlaf aus, als zum 20. Jahrestag des gescheiterten Stauffenberg-Attentats auf Hitler 1964 noch einmal Kränze niedergelegt wurden. Erst 1972 begannen wieder Feierlichkeiten zum Gedenken der Opfer, erneut durch den DGB am 1. Mai. Diese Gedenkfeier findet bis heute jedes Jahr statt.
In den 1980er Jahren übernahmen die Jusos – die Jugendorganisation der SPD – die Organisation der Gedenkfeier Ende Januar. Und so kam 1989 auch Michael Legband ins Spiel. Der ehemalige Itzehoer war damals Redakteur bei der Landeszeitung in Rendsburg. Als die Jusos sich meldeten, weil sie keinen Redner hatten, schlug er Gyula Trebitsch vor. „Ich wusste nur, dass er Filmproduzent war und den Holocaus überlebt hatte“, erinnert sich Michael Legband. „Natürlich komme ich und spreche an meinem Mahnmal“, sagte Gyula Trebitsch.
Ganz reibungslos verlief die Gedenkfeier aber nicht. „Wir standen alle im Stadtpark am Mahnmal, aber Trebtisch kam nicht“, erzählt Michael Legband. „Er war zu den Malzmüllerwiesen gekommen, weil er gar nicht mitbekommen hatte, dass das Mahnmal versetzt worden war. Als er zu uns in den Stadtpark kam, ließ er seine Wut zunächst an uns aus, obwohl wir es nie anders kennengelernt hatten.“ Als Gyula Trebitsch sich schließlich von Michael Legband verabschiedete, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte: „Sieh mal zu, dass es wieder in die Innenstadt kommt.“
Nach langen Diskussionen und zunehmendem überregionalen Druck wurde die Umstetzung 1994 schließlich beschlossen und bei der Gedenkfeier am 29. Januar 1995 weihte Ministerpräsidentin Heide Simonis das Mahnmal erneut ein.
Seitdem finden die Gedenkfeiern wieder am ursprünglichen Ort statt, häufig mit prominenten Rednern. So war zuletzt Landtagspräsidentin Kristina Herbst in diesem Jahr zu Gast, um während der Gedenkfeier des Landes am Mahnmal einen Kranz niederzulegen. Organisiert wird der Gedenktag heute von den Schülern des Sophie-Scholl-Gymnasiums.