Zum Seiteninhalt springen
Moin Jobfinder
Seiteninhalt überspringen

Gegen Hass und Gewalt

80 Jahre Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus

Gedachten der Opfer des Nationalsozialismus (v.l.): Michael Legband, Manfred Eisner und Steffen Paar. Die Kranzschleife ist bedruckt mit "80 Jahre Mahnmal". © Michael Legband

Itzehoe (anz) – Mit einem stillen Gedenken haben gestern (6. September) Propst Steffen Paar und Journalist Michael Legband an die Einweihung des ersten Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus in Nordeuropa erinnert.

Am 8. September 1946 wurde in Itzehoe dieses von dem verfolgten ungarischen Juden und später legendären Film- und Fernsehproduzenten Gyula Trebitsch initiierte Denkmal im Rahmen eines Festaktes in die Obhut der Stadt Itzehoe übergeben.  Es wurde nach den Plänen des in den Nationalsozialismus verstrickten Architekten Johann Friedrich „Fritz“ Höger errichtet.

Die Innenstadtgemeinde der Evangelisch-Lutherischen Kirche hatte den Mahnmal-Chronisten Michael Legband und den mit seiner Mutter 1940 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflüchteten 91-jährigen jüdischen Holocaustüberlebenden Manfred Eisner gebeten an dem Gedenken teilzunehmen.

„Es ist uns eine Herzensangelegenheit an diesen Tag vor achtzig Jahren zu erinnern,“ ließ Pastorin Bähnk ausrichten, die an dem Tag krankheitsbedingt verhindert war. Es solle ein leises Erinnern sein. Der Tag dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Die größeren öffentlichen Veranstaltungen würden dann im November und traditionell im Januar 2027 erfolgen.

Mit der Ablage von Blumen und einem Kranz sowie einer stillen Verneigung vor den Opfern des Nazi-Regimes wurde an die Bedeutung des Mahnmals erinnert, das im Moment bundeweit in den Medien Erwähnung findet.

Die Verpflichtung dieses Mahnmals ist für Pastorin Wiebe Bähnk klar: „81 Jahre sind seit dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vergangen. Die Erinnerung an die Verbrechen, an Gewalt und unsägliches Leid der Opfer droht zu verblassen. Geschichtsverfälschung und -vergessenheit breiten sich immer mehr aus.“ Eine Folge sei die immer größere Bereitschaft zu gruppenbezogener Ausgrenzung und zum Hass, so Bähnk. „Für uns gilt es, unduldsam zu sein gegen alle Menschenfeindlichkeit und einzutreten für Würde und Wert eines jeden Menschen, für ein ‚Nie wieder‘ dessen, was in unserer Geschichte Menschen einander angetan haben.“

Für Propst Steffen Paar vom Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf ist die Botschaft des Mahnmals aktuell wie eh und je: “Diese Gedenkanlage steht dafür, dass Menschen frei und unversehrt leben können und erinnert uns alle, dass uns Mögliche dafür zu tun.”

Der Journalist und Autor Michael Legband erinnerte daran, dass bei der Einweihung Trebitsch und andere Opfer des Nationalsozialismus als Anklagende an dem Mahnmal standen, später als Trauernde im Gedenken an diejenigen die den NS-Terror nicht überlebt hatten. „Diese kleine, lesbare und symbolhafte Gedenkensemble ist ein sehr frühes Zeichen für jüdisches Leben nach 1945 in Deutschland,“ sagt Legband und fügt an: „Das ist die geschichtliche Dimension – nicht mehr und nicht weniger!“

Für den nur mit Müh‘ und Not den Häschern entkommenen Manfred Eisner ist klar: „Dieses Mahnmal ist ein deutliches Zeichen gegen den Antisemitismus. Die Notwendigkeit dieser Gedenkstätte mit seinen Veranstaltungen sei wichtiger denn je. „Das ist das Erschreckende acht Jahrzehnte nach der Einweihung,“ so das Resümee des 1957 nach Deutschland zurückgekehrten Emigranten.

Errichtet wurde das Mahnmal am 8. September 1946, von deren Einweihung die Wochenschau “Welt im Film” deutschlandweit informierte. Der Standort an einem Verkehrsknotenpunkt war gewählt worden, damit das Bauwerk seinem Auftrag zu Mahnen gut nachkommen konnte. Es stand ursprünglich ungefähr dort, wo es jetzt wieder zu sehen ist.

1957 wurde es auf Geheiß des Magistrats abgerissen und im Stadtpark (heute Cirencester-Park), umgeben von Bäumen, aufgestellt. Itzehoe verdrängte damit nicht nur sein Denkmal, sondern auch seine braune Geschichte an den Stadtrand.

1989 kam dies heraus. Gyula Trebitsch sollte am Denkmal reden und fand es nicht, weil er es an alter Stelle suchte.

1995 kehrte das Mahnmal nach langer Diskussion an seinen alten Standort zurück. Ministerpräsidentin Heide Simonis weihte es ein. 1996 wurde 50 Jahre Mahnmal mit einem Festakt begangen. Gyula Trebitsch zeigte sich gerührt.

1996 legten Michael Legband und Produzent Peter K. Hertlein den Dokumentarfilm „Das Mahnmal – erbaut, verdrängt, wiederentdeckt“ vor. Der Film wurde mehrfach im NDR-Fernsehen gezeigt.

2017 wurde da Bauwerk grundlegend überholt. 2021 fand der Festakt “75 Jahre Mahnmal” u.a. mit Katharina und Markus Trebitsch statt. 

Die Gedenkarbeit wird seit 2022 im Wesentlichen vom Sophie-Scholl-Gymnasium (SSG) organisiert. Stets am 1. Mai gedenkt seit 1972 der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) der Opfer des Nationalsozialismus. Von 1983 bis in die 2000er Jahre hatten stets die Jungsozialisten in der SPD Ende Januar der NS-Opfer mit öffentlichen Veranstaltungen gedacht. Später u.a. Die Arbeitsgemeinschaft Mahnen. An deren Stelle ist das SSG getreten. Ende Januar 2026 fand der Holocaust-Gedenktag das Sophie-Scholl-Gymnasiums in Kooperation mit der Innenstadtgemeinde statt.

In seiner langen Geschichte hat das Mahnmal viele Prominente kennengelernt: Drei Ministerpräsidenten, diverse Landtagspräsidenten, Minister, Staatsekretäre und Bundestagsabgeordnete sprachen am Denkmal. Hinzu kommen Schriftsteller wie Günther Kunert, Historiker, Journalisten und Schauspieler wie Christian Quadflieg und Roman Knizka mit “Opus 45”. 

Das Mahnmal ist zu einer Art zentralen Gedenkstätte des Landes Schleswig-Holstein geworden. 2026 hatte Landtagspräsidenten Kristina Herbst das offizielle Gedenken an die NS-Opfer nach Itzehoe verlegt. Anlass „80 Jahre Mahnmal“. Der 80. Geburtstag des Mahnmals war für die Deutsche Presseagentur (dpa) Anlass um einen Korrespondenten-Bericht zur Geschichte des Denkmals an die Redaktionen in der Republik zu versenden. In nahezu allen deutschen Zeitungen oder auf ihren Internetportalen wurde der Artikel gut bebildert veröffentlicht. Ein wahrlich großes mediales Geburtstagsgeschenk für eine kleine, lesbare und symbolhafte Anlage.

zu den aktuellen Ausgaben

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass bei der Aktivierung des Magazins eine Verbindung zum Anbieter Yumpu aufgebaut wird und Daten übermittelt werden.

aktuelle Beilagen

Eine Menschenmenge mit erhobenen Händen bei einem Konzert oder einer Musikveranstaltung, beleuchtet von blauem Bühnenlicht und in einer nebligen Atmosphäre, im Hintergrund ist ein Künstler zu sehen.
Veranstaltungen