Bad Bramstedt (usp/hot) – Der Neujahrsempfang der Stadt sei ein Moment, um zusammenzukommen, um zurückzublicken – und vor allem, um nach vorne zu schauen, leitete Bürgervorsteherin Annegret Mißfeldt ihre Begrüßung der rund 400 Gäste im Kurhaustheater ein. „Und genau deshalb haben wir uns in diesem Jahr entschieden, diesen Abend ein wenig anders zu beginnen als gewohnt“, so Mißfeldt – statt langer Reden, Begrüßungen und Ehrungen eine Talkrunde unter dem Motto „Mut und Zukunft“. Als Gesprächspartner der von der Bad Bramstedter Fernsehjournalistin Susanne Kluge-Paustian moderierten Runde nahmen Eka von Kalben, stellvertretende Landtagspräsidentin (Grüne), Zukunftsforscher Professor Dr. Ulrich Reinhardt, Unternehmerin Norma Jensen, der Bad Bramstedter Polarforscher Arved Fuchs sowie Norderstedts langjähriger Oberbürgermeister, ehemaliger Innenminister von Schleswig-Holstein und jetziger Aufsichtsratsvorsitender der wks, Hans-Joachim Grote, sowie die Landtagsabgeordnete Seyran Papo (CDU) neben Bürgermeister Felix Carl (parteilos) Platz.
So unterschiedlich die Gäste der Talk-Runde, so teilweise unterschiedlich waren ihre Auffassungen zu dem, was Mut und Zukunft für sie bedeuten.
Für Felix Carl hat die Fertigstellung der A20 eine besondere Bedeutung für die Zukunft, auch wenn nicht alle Anrainer darüber glücklich seien. Doch Mut brauche es besonders im Austausch auch mit den Gegnern von unbequemen Themen, so Carl, gerade wenn es um Entscheidungen für die langfristige Entwicklung Bad Bramstedts und der Region ginge.
Hans-Joachim Grote verwies darauf, dass Bad Bramstedt aufgrund seiner guten Lage mit Anbindung an die A7 und künftig an die A20 Grund habe, positiv in die Zukunft zu schauen. Ziel müsse es sein, dass sich Menschen in ihren Gemeinden wohlfühlen, auch wenn unpopuläre Entscheidungen fallen. Allerdings käme es nicht darauf an, Dinge schnell auf den Weg zu bringen, sondern langfristig zu planen. Zukünftige Ziele könnten erreicht werden, wenn die Kommunen noch mehr miteinander kooperieren. Als Beispiel nannte er die Städtekooperation Nordgate, der neben anderen fünf Kommunen wie Kaltenkirchen auch Bad Bramstedt angehört.
„Tempo machen, damit nicht lange gewartet werden muss. Verlässliche Zeitachsen und Ansprechpartner“, so Seyran Papos Meinung, wenn die Region für Unternehmen zukunftsträchtig sein solle. Man solle auch Fehler zulassen und Vorschriften probeweise lockern, so die Landtagsabgeordnete.
Auch die Unternehmerin Norma Jensen sprach sich dafür aus, Tempo in die Verwaltung zu bringen. Es helfe nicht, wenn die Bearbeitung von Anträgen lange dauern. Unternehmen müssten schnell und flexibel auf die Marktlage reagieren können, damit sie Zukunft haben.
Professor Dr. Ulrich Reinhardt empfahl, weniger die Welt retten zu wollen, sondern erst einmal die Dinge in Bad Bramstedt, dem Landkreis, dem Land und Deutschland anzugehen. Applaus bekam er für seinen Hinweis, dass 98 Prozent der Weltbevölkerung Deutschland um seine Infrastruktur beneiden würden. Mehr Demut und weniger Aufregung, wenn die Bahn einmal nicht pünktlich sei, so sein Petitum. „Optimismus ist Pflicht!“, so sein Appell.
Eka von Kalben wünschte sich bei unangenehmen Entscheidungen – als Beispiel nannte sie den Flüchtlingsstrom 2015 und die Corona-Krise – eine bessere Fehlerkultur. Ihr Hinweis, man solle ab und an mal einen Blick in die Geschichte werfen und sehen, was man geschafft hat, ging in eine ähnliche Richtung wie die von Professor Dr. Ulrich Reinhardt.
Der Bad Bramstedter Polarforscher Arved Fuchs ging mit seinen Beiträgen auf den Punkt des Mutmachens ein, indem er auch wenig aus seinen Erfahrungen in Extremsituationen auf der Expedition Icewalk 1989 einging. Acht Alphatiere aus acht Ländern zu Fuß zum Nordpol – und keiner wollte zunächst von seinen Erfahrungen und Vorstellungen Abstriche machen. Erst im Laufe der Expedition sei man zu einem Dream-Team zusammengewachsen. „Together we can“, so der Leitsatz an Bord seines Schiffs „Dagmar Aaen“, der auch für andere Bereiche Gültigkeit hat. „Wir haben ein Problem, aber wir können es lösen“, machte Fuchs Mut, Probleme offen anzugehen und zu bündeln. Fuchs ging auch auf die allgemeine Weltlage ein, vom Leugnen des Klimawandels bis hin zur Abschaffung der Demokratie in den USA, ein. Hier riet er zu mehr Gelassenheit und dazu, Veränderungen zuzulassen und zur Einsicht zu kommen, dass es keine absolute Sicherheit gibt.
Ein besonders schönes Beispiel von Zusammenhalt in der Gemeinde, das auch etwas mit Zukunft, nämlich mit der von jugendlichen Musikern zu tun hat, lieferte die Bundespolizei. Ihr Präsident, Normen Großmann, überreichte zu Beginn der Veranstaltung einen symbolischen Scheck über 4.955 Euro an die Vorsitzende des Fördervereins Blasmusik Bad Bramstedt, Jessica Tonn. Das Geld ist der Spendenerlös aus dem Benefizkonzert des Jahres 2025.
Auch wenn einige Besucherinnen und Besucher diese Art des Empfangs als zu langatmig bezeichneten und vereinzelt die Veranstaltung vorzeitig verließen, machte der lang anhaltende Applaus der Gäste deutlich: Der Mut, ein neues Format zu wagen hat sich gelohnt.
Hier ein paar Stimmen aus dem Publikum:
Die Bad Bramstedterin Stefanie Seller war sichtlich begeistert – vor allem von der Gesprächsrunde: „Echt gut, dass alle soviel Zuversicht ausgestrahlt und uns so schöne Gedanken mit auf den Weg gegeben haben.“
Angela Kruppa, Bürgermeisterin von Wiemersdorf, war voll des Lobes: „Die Diskussion war sehr interessant. Der Kreis der Diskussionsteilnehmer war sehr gut ausgewählt, es wurden verschiedene Aspekte des Themas ,Mut und Zukunft‘ beleuchtet.“ Das fand auch Andrea Maczeycik, stellvertretende Vorsitzende der Bramstedter Turnerschaft. Allerdings vermisste sie etwas die Ehrungen verdienter Bürger und Sportler, die in früheren Jahren fester Bestandteil des Empfangs waren. Sie hätte gerne gesehen, dass ihnen „eine Bühne gegeben worden wäre“. Doch nach einem Gespräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister Reimer Fülscher war sie wieder optimistisch: „Dafür gibt‘s ja die extra Veranstaltung ,Es ist uns eine Ehre‘“.
Auch für Carsten Nissen, Geschäftführer der Team Lebenshilfe Bad Bramstedt gGmbH, war es ein interessanter Abend mit dem neuen Format. „Es war eine tolle lockere und informative Runde“, befand auch Torsten Klinger, Bürgermeister von Großenaspe und Amtsvorsteher des Landes Amt Bad Bramstedt-Land. Sein Fazit: „Wir alle müssen (noch) mehr Optimismus lernen.“