Mordfall Dammfleth: Gericht schickt Jessica M. und Yasar S. lebenslang hinter Gitter

Für das Gericht sei der Mord ein "Lehrbuchfall der Heimtücke" ++ Verteidigerinnen wollen das Urteil anfechten ++ Bruder des Opfers sagt: "Die Gerechtigkeit hat gesiegt" und bedankt sich beim Hauptzeugen ++ Gericht sieht Nachlässigkeit bei Zeugenbefragung bei der Polizei

Für Yasar S.'s Verteidigerin Katja Münzel ist das Urteil "nicht haltbar". Der eine Zeuge sei psychisch auffällig, bei dem anderen suche sich das Gericht aus, was es glauben wolle, sagte sie nach dem Urteil.

Während der Urteilverkündung zeigte Jessica M. keine Regung, während der Begründung schüttelte sie hin und wieder den Kopf. Sie sei gefasst, sagte ihre Anwältin Johanna Dreger-Jensen nach dem Urteil.

Für sie gab es keine Zweifel an der Schuld der Angeklagten: Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt (Mitte) mit Richterin Rebecca Knof und Richter Dr. Vincent Göbbel. (Fotos: Claaßen)

Itzehoe (tc) – Lebenslange Haft für Jessica M. und Yasar S., so lautet das Urteil im Mordfall Dammfleth. Die 5. Große Strafkammer am Landgericht Itzehoe sieht es als erwiesen an, dass die beiden den Mord an Miroslav P. gemeinsam geplant und ausgeführt haben. Das Gericht folgte mit seinem Urteil weitestgehend den Forderungen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklagevertreterin der Eltern und des Bruders des Opfers, die zudem die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld bei Yasar S. gefordert haben – das Gericht sah dies jedoch nicht. Dennoch bezeichnete die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt den Mord als „Lehrbuchfall der Heimtücke“. Mehr als 20 Verhandlungstage waren vorausgegangen, was sich unter anderem in der anderthalbstündigen Urteilsbegründung widergespiegelt hat.
Nach Dafürhalten des Gerichts hatten Jessica M. und Yasar S. seit 2016 eine heimliche Affäre geführt. Yasar S. habe die Rolle Miroslav P.‘s sowohl auf dem Hof als auch in der Beziehung einnehmen wollen, daraufhin habe er Jessica M. und deren Tochter Sophie vorgeschlagen, Miro zu beseitigen. Jessica und Sophie sollen Miro am 21. April 2017 ins Kinderzimmer der Tochter gelockt haben, wo Yasar S. sich versteckt gehalten und Miro dann zweimal von hinten in den Kopf geschossen habe.
Yasar S. hatte zum Ende der Beweisaufnahme ein Geständnis abgelegt, nach dem er Miro im Drogenrausch allein getötet habe und Sophie nur zufällig dabei gewesen sei, Jessica solle von all dem nichts gewusst haben, auch nicht vom späteren Zerteilen der Leiche. Das Gericht hielt dies jedoch für eine unwahre Schutzbehauptung, die S. auf Grundlage unterschiedlicher Zeugenaussagen zusammenkonstruiert habe. Eine regelmäßige Gewalt in der Beziehung von Jessica und Miroslav konnte das Gericht nicht erkennen, zudem hielt die Kammer es für unglaubwürdig, dass Jessica von ihrem Lebensgefährten gefordert habe, seinen Drogenkonsum zu beenden, zumal Yasar S. eine deutlich schwerwiegendere Drogenkarriere als Miro vorzuweisen hatte. Während im März letzten Jahres der Hof in Dammfleth durchsucht worden war, wurde dort zudem eine Cannabisplantage entdeckt, vermutlich um damit den Lebensunterhalt zu bestreiten, so das Gericht.

Gericht zollt dem Hauptzeugen Respekt für dessen Zivilcourage

Bis zum 19. Verhandlungstag Ende Januar habe das Gericht in Erwägung gezogen, dass Jessica M. tatsächlich nicht an der Tat hätte beteiligt gewesen sein können. Nachdem ein Ermittler jedoch seine Auswertungen von Standortendaten dargelegt hatte, sei für das Gericht klar gewesen: Jessica M. hat zusammen mit ihren Töchtern Sophie und Sarah ihre Nichte nach Norderstedt gefahren, auf dem Rückweg soll sie Yasar S. in Hamburg eingesammelt und auf den Hof nach Dammfleth gefahren sein, wo der Mord passierte.
Die Kammer betonte zudem die Glaubwürdigkeit sowohl des Hauptzeugen als auch eines weiteren Zeugen, denen gegenüber sich Sophie kurz nach der Tat detailliert offenbart hatte. Richterin Hildebrandt lobte die Zivilcourage des Hauptzeugen, ihm sei Respekt zu zollen. Doch stattdessen sei er nach seiner Aussage eingeschüchtert und bedroht worden. Die Verteidigung hatte offenbar sogar eine Strafverfolgung des Hauptzeugen in Erwägung gezogen, doch die solle eher für den aktuellen Freund Sophies gelten, meinte Hildebrandt, der in einer Abgebrühtheit vor Gericht aufgetreten sei und die Tatbeteiligung seiner Freundin geleugnet habe.

Verteidigerinnen kündigen Revision an

Jessica M.‘s Verteidigerin Johanna Dreger-Jensen hatte in ihrem Plädoyer Freispruch für ihre Mandantin gefordert. Weitere Beweise als die Aussage des Hauptzeugen, die sich auf Hörensagen berufe, habe es nicht gegeben, hatte sie gesagt. Dem trat das Gericht nun entgegen. Der Auffindeort der Leiche, die Kopfschüsse und das Einsetzen einer Chemikalie sowie die identische Aussage eines weiteren Zeugen wertete das Gericht als belastbare Beweise und Zeichen der Glaubwürdigkeit.
Einen Vorwurf machte die Richterin jedoch den Ermittlern der Polizei. Die Aussage des Hauptzeugen, dass die damals 14-jährige Sophie nicht an der Tat beteiligt gewesen soll, hätten sie zwar angezweifelt, aber hingenommen und nicht kritisch hinterfragt. Erst bei Nachfragen vor Gericht habe der Zeuge sich eingelassen.

„Die Gerechtigkeit hat gesiegt.“ (Marius P., Bruder des Opfers)

Die Verteidigerinnen von Yasar S. und Jessica M., Katja Münzel und Johanna Dreger-Jensen, haben angekündigt, das Urteil anzufechten und in Revision zu gehen, dafür haben sie eine Woche Zeit. Für Jessica M. klickten noch direkt im Gerichtssaal die Handschellen – gegen sie war der Haftbefehl kurz vor Weihnachten aufgehoben worden.
Für die Mutter des Opfers, Eva Marie P., sei nun der Zeitpunkt, mit dem Mord abschließen zu können. „Die Ungewissheit hat ein Ende“, sagte sie nach der Urteilsverkündung. „Die Gerechtigkeit hat gesiegt“, zeigte sich Miroslavs Bruder Marius erleichtert. Beide seien dem Hauptzeugen dankbar, dass er den Fall ins Rollen gebracht habe. „Durch ihn konnten die Täter gefasst und Miro würdevoll beerdigt werden“, sagten beide nach dem Urteil.

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