Hotelerie am Limit

Start der Urlaubssaison trifft auf fehlendes Hotelpersonal

Warten an der Hotelrezeption: Nach fast zweieinhalb Jahren Corona-Pandemie fehlt es in vielen Hotels und Pensionen an Personal. Nach Ansicht der Gewerkschaft NGG müssen sich die Arbeitsbedingungen in der Branche verbessern, um dringend gesuchte Fachleute zu finden. Foto: NGG/Alireza Khalili

Kreis Segeberg/Kreis Steinburg (anz) - Hotellerie am Limit: Zu Beginn der Hauptreisezeit fehlt in vielen Hotels und Pensionen im Kreis Segeberg das nötige Personal. „Rezeptionisten, Köche, Barkeeper, Service- und Reinigungskräfte werden händeringend gesucht. Ohne sie kann die Branche in der wichtigsten Saison des Jahres nicht durchstarten“, sagt Johann Möller von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

Die NGG verweist auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Danach zählte das Beherbergungsgewerbe im Kreis Segeberg Ende Juni noch 14 offene Stellen – 75 Prozent mehr als vor genau einem Jahr. Im Kreis Steinburg waren es Ende Juni noch 24 offene Stellen – fast fünfmal so viele wie Mitte 2019, also vor Beginn der Corona-Pandemie (plus 380 Prozent).

„Für viele Hoteliers ist es aktuell einfacher, Gäste zu finden als Mitarbeiter. Denn in der Folge von Lockdowns und Kurzarbeit haben etliche Beschäftigte ihre Branche verlassen. Es kommt jetzt darauf an, Fachleute mit guten Konditionen zu locken, um für die steigende Nachfrage nach Urlaubs- und Geschäftsreisen gewappnet zu sein“, so Gewerkschaftssekretär Möller. Ein entscheidender Punkt sei die Bezahlung. Hier habe sich bereits einiges getan: Mit dem neuen Tarifvertrag, den die Gewerkschaft mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ausgehandelt hat, erhöhen sich die Löhne in der Branche in Schleswig-Holstein aktuell in mehreren Schritten um insgesamt bis zu 22 Prozent. Bis zum Januar 2023 steigen die Monatseinkommen aller Beschäftigten damit um 400 Euro. Fachkräfte kommen dann auf einen Stundenlohn von mindestens 13,31 Euro. „Entscheidend ist nun, dass sich die Betriebe an die tariflichen Standards halten“, betont Möller.

Doch auch bei den Arbeitsbedingungen müssten die Firmen nachlegen, um sich im Wettbewerb um dringend gesuchtes Personal behaupten zu können. „Hotelangestellte arbeiten oft dann, wenn andere frei haben – nachts, am Wochenende oder an Feiertagen. Das geht zulasten von Familie und Freizeit. Es ist wichtig, Arbeitszeiten im Sinne der Beschäftigten zu organisieren“, macht Möller deutlich. Flexibilität dürfe keine Einbahnstraße nur für Unternehmer sein. Der Gewerkschafter mahnt zugleich die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes an: „Auf das vorhandene Personal kommt eine hohe Mehrbelastung zu. Aber die gesetzlichen Vorschriften, die die Beschäftigten schützen, dürfen nicht unterlaufen werden. Dabei lassen sie genügend Spielräume, um Auftragsspitzen abzufedern. Ein Herumexperimentieren am Arbeitszeitgesetz, wie es die FDP in den Berliner Koalitionsvertrag hineinverhandelt hat, ist nicht der richtige Weg.“

Für die Hotelbranche in den Kreisen Segeberg und Steinburg rechnet Möller mit einer hohen Auslastung für die kommenden Monate: „Nach fast zweieinhalb Jahren Corona machen viele Menschen zum ersten Mal wieder richtig Urlaub. Der Tourismus im eigenen Land steht dabei hoch im Kurs. Hinzu kommen die Geschäftsreisenden. Und auch manche verschobene Geburtstags- oder Hochzeitsfeier wird nachgeholt.“

Damit die Pläne der Gäste nicht an fehlenden Rezeptionisten und Köchen scheiterten, müsse die Branche für die Beschäftigten attraktiver werden, ist Möller überzeugt. Das gelinge nur, indem sich Löhne und Arbeitsbedingungen verbesserten. „Zwar ist klar, dass damit gerade für kleinere Betriebe die Personalkosten steigen“, räumt der Gewerkschafter ein. Aber anders seien keine Menschen mehr für den Job im Gastgewerbe zu gewinnen. Es komme darauf an, dass jetzt auch die Kunden Verständnis zeigten. „Für ein sauberes Hotelzimmer und einen guten Service sollte man bereit sein, etwas mehr auszugeben. Das gilt auch im Restaurant. Ein Schnitzel für neun Euro ist heute nicht mehr machbar“, so Möller.

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