Steinburgs Landrat Torsten Wendt im Interview: „Ich bin ziemlich entspannt.“

Wie bewertet der Landrat die Corona-Lage im Kreis Steinburg, wie gestaltet sich die Kommunikation mit dem Land? Und wie lange bleibt das RBZ als Notunterkunft aufrecht? Ein Interview mit Torsten Wendt, bei dem es auch um Aberglauben und Facebook geht.

"Dat löppt!" Steinburgs Landrat Torsten Wendt ist angesichts der momentanen Situation ziemlich entspannt. Das war er aber nicht immer, es gab beispielsweise Diskussionen und Kompetenzfragen mit dem Land.

Durch die regelmäßigen Videos auf Facebook hat der Landrat seine „Freundesliste“ auf über 1.200 Personen verdoppelt. Allerdings hat er auch schon wieder Leute entfernt, weil sie zu Gewalt aufgerufen hatten. (Fotos: Claaßen)

Recht ruhig ist es in den letzten Wochen zwischen den Rathäusern und Gemeindevertretungen des Kreises Steinburg und den Medien gewesen. Stattdessen wurde die Kommunikation zwischen Pressevertretern und der Kreisverwaltung raufgefahren. Landrat Torsten Wendt hatte das Ruder für den Kreis Steinburg übernommen, als die Corona-Welle auf Schleswig-Holstein zuschwappte. In 23 Videos hat er die Steinburger über die jeweils aktuelle Lage informiert, sie darauf eingeschworen, die gültigen Maßnahmen einzuhalten, ihnen aber auch Mut gemacht. Mit den täglichen Videos ist nun erst einmal Schluss – Thomas Claaßen hat mit Torsten Wendt über die  Zeit von den ersten Verschärfungen bis zur ersten Lockerung gesprochen.

Sind Sie eigentlich abergläubisch?
Eigentlich überhaupt nicht. Ich bin an einem Freitag, dem 13., geboren, das ist also ein Glückstag, wieso?

Weil am Freitag, dem 13. März, Corona quasi im Kreis Steinburg angekommen ist. Da wurden in Schleswig-Holstein die ersten Schul- und Kita-Schließungen verkündet. Wie war Ihre Corona-Stimmung bis zu diesem Tag und wie seitdem?
Bis Januar, Februar hatte ich noch gedacht, dass das Virus ganz weit weg ist und uns nicht so betrifft. Die Stimmung ist gekippt, als das Land die ersten drastischen Maßnahmen angekündigt hat – die ich übrigens für absolut sinnvoll erachtet habe. Dann haben wir schnell einen Krisenstab hochgezogen um zu überlegen, welche Maßnahmen wir als erstes treffen. Wir haben dann sehr schnell gehandelt. Kurze Zeit später hatten wir einen sehr intensiven Kontakt zur Landesebene.

Fühlten und fühlen Sie sich von der Landesregierung gut informiert und unterstützt?
Wenn es so eine Krise gibt, ist es klar, dass es erstmal Chaos gibt. Ich hatte mich auch einmal mit einem Staatssekretär des Gesundheitsministeriums angelegt, weil ich alle staatlichen Theater im Kreis schließen sollte. Wir haben aber kein staatliches, sondern ein kommunales Theater. Da musste nachgebessert werden. Auch meine Anregung, dass ebenfalls Schwimmbäder, Saunen und Fitnessstudios geschlossen werden sollten, wurden aufgenommen, weil Menschen eben nicht nur in staatlichen Theatern zusammenkommen. Die ersten Erlasse waren anfangs eher dünn, mittlerweile sind sie seitenlang. Telefon- -und Videokonferenzen waren manchmal echt schwierig und ehrlich gesagt auch nervig, wenn da Staatssekretäre und Landräte zusammen telefonieren, eigentlich eine Agenda zum Arbeiten haben, dann aber immer Einzelinteressen eingeworfen werden, die eigentlich zum Schluss hätten besprochen werden sollen. Es war und ist also nicht immer einfach. Aktuell ist gerade die Kommunikation zum Thema Zweitwohnungen nicht so ganz einfach.

Wenn Sie den Erlass der Landesregierung erhalten, gibt es für Sie als Kreis gewisse Spielräume für die Allgemeinverfügung?
Es gibt Spielräume, die ich allerdings auf Landesebene mit Kollegen abspreche. Zum Beispiel ging es um die Frage, ob auch Schulen von Handwerkern betreten werden dürfen, wenn dort keine Notbetreuung stattfindet. Für Kindertagesstätten gab  es diese Präzisierung. Das sind oft Kleinigkeiten, aber auch die sollten kreisübergreifend gültig sein. Das Land hat uns im Laufe der Zeit immer mehr und genauere Vorgaben gemacht als zu Beginn der Krise. Die Wahrnehmung von Aufgaben nach dem Infektionsschutzgesetz ist eine Aufgabe der Kreisgesundheitsämter. Das Land kann gewisse Rahmenvorgaben machen. Wir hatten da eine gewisse Entwicklung in der Zusammenarbeit durchgemacht

Was die Fälle pro 100.000 EW angeht, liegt Steinburg in Schleswig-Holstein etwa im Mittelfeld. Wie bewerten Sie die Lage für den Kreis derzeit?
Ich bin ziemlich entspannt, allein schon deshalb, weil unser Klinikum noch sehr viele freie Intensivbetten hat. Das ist der Zustand, der in nächster Zeit möglichst so bleiben sollte, auch wenn der Betrieb im Klinikum demnächst wieder hochgefahren werden muss. Ich bin mit der momentanen Ansteckungsgeschwindigkeit und den aktuellen Fallzahlen sehr zufrieden. Es war und ist allerdings ein Problem, zu erkennen, inwiefern diese Zahlen realistisch sind, weil bestimmt noch unerkannte Infizierte unterwegs sind. Wir haben den Krisenstab schon wieder etwas runtergefahren, auch wenn wir davon ausgehen müssen, dass die Zahlen der Infizierten nach den Lockerungen noch einmal steigen werden, aber hoffentlich nicht zu sehr.

Erachten Sie es noch als nötig, das RBZ weiterhin als Notunterkunft mit 200 Betten vorzuhalten?
Das muss zurückgebaut werden, das ist klar. Das wird in Kürze passieren, eventuell auch schon vor dem 4. Mai. Wenn es eine zweite Infektionswelle geben sollte und die Zahlen durch die Decke schießen sollten, würde sowas wieder benötigt werden, aber das ist Kaffeesatzleserei.

Sehen Sie Ihr Gesundheitsamt gut aufgestellt, um auch Infektionsketten festzustellen? Der Bundesgesundheitsminister hat angekündigt, dass eventuell – generell – aufgerüstet werden müsste.
Wir haben aktuell sieben Personen, die sich damit beschäftigen. Da unsere Infektionsquote so niedrig ist, reicht das völlig aus und wir sind von einer Überlastung entfernt. Ich habe dem Land angesichts der Absicht des Bundes und der Länder vorgeschlagen, einen Pool von Mitarbeitern für die Infektionskettenermittlung einzurichten. Daraus könnten Gesundheitsämter bei Engpässen schöpfen und geschultes Personal erhalten. Das halte ich für sinnvoller als eine festgelegte Quote, die sich auf die Einwohnerzahl bezieht. Wir haben in der Bundesrepublik eben regionale Unterschiede in der Verbreitung des Virus‘.

Für ein Update Ihrer technischen Hard- und Software sollen bis zu 150.000 € abrufbar sein – reicht das?
Wir arbeiten im Moment mit herkömmlichen Excel-Tabellen, haben aber eine Software in der Prüfung, die unter anderem die Möglichkeit bietet, mit Laboren und Patienten zu interagieren. Im Moment ist unsere IT auskömmlich, aber ich freue mich über jeden Beitrag, der das ganze verbessern kann.

Der Sommerurlaub dürfte weitestgehend flachfallen. Können Sie sich als Schulträger vorstellen, dass Sporthallen in den Ferien geöffnet bleiben und in Absprache mit Vereinen dort bestimmte Angebote gerade für Kinder und Jugendliche entstehen könnten?
Das kann ich mir vorstellen, aber man wird zu der Zeit ganz genau gucken müssen, was die Infektionszahlen dann zulassen und was an Lockerungen von Seiten der Landesregierung möglicherweise noch kommt. Das prüfen die Bundes- und die Landesregierungen ja alle zwei Wochen, das Vorgehen finde ich auch richtig.

Sie stehen sozusagen als Kapitän an Deck, haben aber eine große Mannschaft hinter und neben sich – wie groß ist ihr Team?
Jeder Mitarbeiter, der im Dienst gewesen ist, hat seinen Beitrag zum Erfolg beigetragen. Wir hatten eine Kernmannschaft, die sich um das Corona-Thema gekümmert hat, das waren etwa 30 Personen. Insgesamt dürften es aber etwa 400 Beschäftigte gewesen sein.

Sie haben sich recht schnell entschieden, regelmäßig Videos auf Facebook zu posten? Wie kam diese Idee und warum?
Die Idee zu den Videos hatte Jan Müller-Tischer aus unserem Krisenstab, der uns bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt hat. Diese Pandemie hat zu einer massiven Einschränkung der Grundrechte geführt, und das wiederum zu einer großen Unsicherheit in der Bevölkerung. Wir wissen, dass sich viele Menschen über die sozialen Medien informieren, da war es mir wichtig, auch dort eine offizielle Quelle anzubieten, bevor dort einfach nur Gerüchte im Raum stehen.

Welches Feedback haben Sie dazu bekommen?
Ich war selbst erstaunt, dass wir bis zu knapp 20.000 Menschen darüber erreicht haben. Das Feedback war zu 98 Prozent positiv. Und die Zahl meiner Facebookfreunde hat sich dadurch verdoppelt (lacht).

Was möchten Sie den Steinburgern gerne sagen?

Ich glaube, diese Krise ist noch nicht vorbei, bleiben Sie wachsam. Wir müssen aufpassen, dass es keine neue Welle gibt, die zu einer Verschärfung der bestehenden Regelungen führt. Hygienevorschriften sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Es ist noch nicht vorbei.

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