Bauen im Kratt: ja oder nein?

Bürgerentscheide am 17. März: Hat die Stadt einen Plan B, falls nicht gebaut werden darf? Und warum spricht die Stadt von Wohnungsnot und die Bürgerinitiative vom Eichtal, obwohl dies gar nicht betroffen ist?

Wohngebiet auf dem Gelände der ehemaligen Kleingartenanlage Eichtal/Kratt ja oder nein? Am Sonntag gibt es die Antwort. (Foto: Claaßen)

Darum geht‘s: Das geplante Baugebiet (rot) soll auf einem Teil der Kleingartenanlage Eichtal/Kratt entstehen. Das eigentliche Eichtal soll von der Baumaßnahme nicht betroffen sein. (Quelle: Geobasis-DE/LVermGeo SH DOP 20; Stadt Itzehoe)

Itzehoe (tc) – Soll auf dem ehemaligen Gelände der Kleingartenkolonie Eichtal/Kratt ein Wohngebiet entstehen oder nicht? An dieser Frage scheiden sich seit Monaten die Geister. Die einen sagen „auf jeden Fall“, die anderen „auf gar keinen Fall“. Nach den Bürgerentscheiden der Bürgerinitiative auf der einen und der Stadt auf der anderen Seite am Sonntag, 17. März, wird Klarheit herrschen. Rund 26.300 wahlberechtigte Itzehoer sind aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben, „wobei die endgültige genaue Zahl erst am Sonnabend feststeht“, so Stadtsprecher Björn Dethlefs, und damit nach unserem Redaktionsschluss. Dethlefs weiter: „Ein Bürgerentscheid hat nur dann Erfolg hat, wenn die Mehrheit der Abstimmenden dem Anliegen zustimmt und wenn gleichzeitig diese Mehrheit mindestens 14 Prozent ausmacht, also 3.682 Abstimmungsberechtigte.“ Das Ergebnis soll gegen 20 Uhr am Sonntag auf der Website der Stadt (itzehoe.de) veröffentlicht werden.
Wir haben sowohl der Bürgerinitiative als auch der Stadt einen Fragenkatalog zukommen lassen, die Antworten lesen Sie hier.

Das sagt die Stadt

Warum ist es wichtig, dass die Bauplätze im Eichtal entstehen?
Um es klarzustellen: Im Eichtal wird kein Wohngebiet entstehen, und es wird dort auch nichts abgeholzt. Der Breitenburger Wald und das Eichtal bleiben unberührt. Es wird kein vollkommen unbebautes Gebiet erschlossen, sondern eine Kleingartenanlage umgewidmet. Bei den Planungen wurde berücksichtigt, die Grundstücke in die bestehende Landschaft einzubetten und den gesetzlich vorgeschriebenen Waldabstand (30 Meter) zu gewährleisten. Im Sinne einer ausgewogenen Stadtentwicklung wäre es wichtig, neben der Nachverdichtung auch die Entwicklung von Bauflächen voranzutreiben, um etwa den Bedarf an Wohnraum für Familien zu decken. Nach jetzigem Stand müssten in Itzehoe bis 2030 in der Innenentwicklung und in Neubaugebieten etwa 549 Wohneinheiten im Ein-und Zweifamilienhaus-Sektor und 211 Wohneinheiten im Mehrfamilienhaus-Sektor entwickelt werden. Generell gilt: Eine ausgeglichene Bebauung sollte sich auf alle Gebietstypen erstrecken, damit sich Wohnquartiere in Bezug auf Wohndichte, Lage und Bevölkerungsstruktur optimal entwickeln.

In Ihrer Fragestellung sprechen Sie von einer Linderung der Wohnungsnot; ist das nicht etwas überzogen?
Der in der Fragestellung der Ratsversammlung verwendete Begriff der „Wohnungsnot“ beschreibt einen Wohnungsmangel, der vor allem die Großstädte betrifft. Aber durch die Nähe zu Hamburg strahlt das Problem auch bis nach Itzehoe. Insofern macht der Begriff deutlich, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Es fehlt bezahlbarer Wohnraum in der Stadt. Ein Wohngebiet mit 90 Ein- und Zweifamilienhäusern auf der ehemaligen Kleingartenanlage Eichtal/Kratt würde einerseits den Wohnungsmarkt entlasten. Familien, die hier neu bauen, machen ihre heutigen Wohnungen frei für andere Mieter. Andererseits könnte der Wegzug von jungen Familien aufgehalten werden. Seit Jahren zieht es viele von ihnen mit ihrem Wunsch nach einem Eigenheim weg aus der Stadt ins Umland. Eine Entwicklung, die nicht gut ist – weder für Itzehoe noch für die Region. Denn durch den Wegzug in das Umland droht dort eine weitere Zersiedelung. Hinzu kommt die Belastung der Umwelt durch den zusätzlichen Verkehr.

Von wie vielen Menschen wird die diskutierte Fläche aktuell täglich/wöchentlich/monatlich/
jährlich frequentiert bzw. genutzt?

Die Fläche liegt zurzeit brach. Unter der Woche wird Sie von Hundebesitzern als Auslauffläche für ihre Vierbeiner, aber auch von den Kleingärtnern östlich des Spökelwegs als Abkürzung zu ihren Parzellen genutzt.

Welche Tiere und Pflanzen würden durch das Baugebiet beeinträchtigt und könnten diese umgesiedelt werden bzw. problemlos Nachbarflächen nutzen?
Im Rahmen einer Bebauung des Gebietes wird sich voraussichtlich eine Reihe von Tierarten zunächst aus dem Gebiet zurückziehen. Diese werden sich vermutlich in den angrenzenden Vegetationsbeständen niederlassen und zum Teil wieder in das Gebiet zurückkehren, wenn etwa die Gärten im Neubaugebiet angelegt sind. Dabei können die künftigen Gartenbesitzer durch eine Mischung aus Grasflächen, Büschen und Laubhaufen die Artenvielfalt fördern. So konnten Forscher der Universität Basel in einer aktuellen Studie eine hohe Artenvielfalt in Stadtgärten nachweisen. Gerade kleine Bodenbewohner wie Käfer, Spinnen, Schnecken und Tausendfüßler profitieren demnach von Stadtgärten – wenn diese keine Rasen-Monokultur sind. Selbst kleine und isolierte Grünflächen können zum Erhalt der Biodiversität im bebauten Gebiet beitragen. In den 35 Gärten in Basel wiesen die Forscher insgesamt 254 Arten nach, darunter 24 Ameisenspezies, zehn Asselarten, 87 Kurzflügelkäfer- und 24 Laufkäferarten, 39 verschiedene Schnecken, 52 Spinnen und 18 Tausendfüßlerarten.
Wie sich die Entwicklung des Wohngebiets in Itzehoe auf die Fauna und Flora auswirkt, lässt sich erst bei der detaillierten Ausgestaltung des Neubaugebiets sagen. Der konkrete Bauplan wird dann mit der faunistischen Erhebung abgeglichen. Aber die Flora im Gebiet wird überwiegend neu entstehen. Bei der Planung wird berücksichtigt, dass vor allem der alte Baumbestand erhalten werden soll.

Wie sieht Ihr Plan B aus, falls der Bürgerentscheid positiv für die BI ausgeht? Was bieten Sie den weit über 100 Interessenten alternativ an und was würde das für die Interessenten bedeuten?
Ein weiteres innerstädtisches Neubaugebiet dieser Größenordnung gibt es in Itzehoe nicht. Es müsste dann versucht werden, soweit es überhaupt möglich ist, kleine Flächen zu bebauen. Denn viele der baurechtlich möglichen Innenentwicklungspotenziale können nicht umgesetzt werden, da die Flächen nicht verfügbar sind. So wollen manche Eigentümer schlichtweg nicht verkaufen. Andere wiederum haben überzogene Kaufpreisvorstellungen. Auch der Protest von Anwohnern, die kein Baugebiet in ihrer Nachbarschaft wollen, ist wahrscheinlich.

Was würde das neue Baugebiet für die Stadt bedeuten und wie bewerten Sie dies?
Ein neues Wohngebiet würde Familien in der Stadt halten beziehungsweise ihren Zuzug ermöglichen. Itzehoe braucht Menschen, die in der Stadt leben und arbeiten wollen. Davon profitieren auch Schulen, Kitas und das Vereinsleben. Als Steuerzahler tragen die Familien zu den Einnahmen der Gemeinde bei und stabilisieren den Standort in seiner Bedeutung für die Region. Denn als zentraler Ort stellt Itzehoe für die Bevölkerung des Einzugsbereichs die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des gehobenen Bedarfs sicher. Darüber hinaus ist die Störstadt das regionale Wirtschafts- und Arbeitsmarktzentrum mit einem breit gefächerten Angebot an Arbeits- und Ausbildungsplätzen. In diesen Funktionen sind die Mittelzentren, wie es im Landesentwicklungsplan Schleswig-Holstein formuliert ist, zu stärken und weiterzuentwickeln.

 

Das sagt die Bürgerinitiative

Warum ist es wichtig, dass im Eichtal nicht gebaut wird?
Das Eichtal/Kratt ist landschaftlich und von seiner ökologischen Bedeutung ein einmaliger und besonders schützenswerter Erholungsraum, eingebettet zwischen dem Feuchtgebiet Freudenthal und dem Geesthang Oelixdorfer Forst. Mit seinem alten Eichenbestand ist er für alle Itzehoer und kommende Generationen zu bewahren.

In Ihrer Fragestellung sprechen Sie vom gesamten Eichtal und dass es als unbebauter Raum erhalten bleiben soll; es geht ja aber nicht ums gesamte Eichtal und unbebaut war es auch nicht. Warum also diese Fragestellung?
Wir sprechen vom Eichtal als dem seit 1920 so bezeichneten Kleingartengelände. Es liegt in dem viel größeren Gebiet Kratt. (Kurzform fürs Eichtal/Kratt, den ehemaligen Kleingartenflächen, die seit den Räumungen durch die Stadt wieder nahezu komplett unbebaut sind.) Diese Flächen liegen unterschiedlich lange brach, zum Teil mehr als zehn Jahre. Ehemalige Kleingärten sind wertvolle Naturräume, die auch nach dem Empfehlungen des Deutschen Städtetages und der Initiative der Bundesregierung als naturnahe Grünflächen mit Biotopen erhalten werden sollen.

Von wie vielen Menschen wird die diskutierte Fläche aktuell täglich/wöchentlich/monatlich/jährlich frequentiert bzw. genutzt?
An Wochenenden und bei gutem Wetter sind dort schätzungsweise 100 Menschen am Tag unterwegs, sonst weniger.

Welche Tiere und Pflanzen würden durch das Baugebiet beeinträchtigt und könnten diese umgesiedelt werden bzw. problemlos Nachbarflächen nutzen?
Durch eine Bebauung würden viele Tiere  durch Verlust ihrer Brutstätten, ihres Nahrungsraumes, durch Autoverkehr und nächtliche Dauerbeleuchtung dauerhaft aus dem  Gebiet vertrieben. Mindestens 45 Vogelarten (u. a. Waldkauz, Schwarz- und Grünspecht) nutzen das Gebiet als Brut- und Nahrungsraum. Sie können großteils nicht ausweichen, wenn ihr Brutplatz oder ihr Nahrungsraum verloren geht, da die Zahl der geeigneten Ersatzbrutplätze im Baugebiet und Umgebung erheblich zurückgehen wird und damit auch die Anzahl der Arten. Zudem sind Waldeidechse, Ringelnatter und Froscharten dort beobachtet worden. In den Altholzbeständen haben Fledermäuse, wie der Große Abendsegler, ihre Quartiere und Spechte ihre Bruthöhlen. Viele Insektenarten finden sich in den Altholzbeständen und auf den Ruderal- und Brachflächen. Dort finden Sie Ihre Nahrungspflanzen. Eine Umsiedlung ist bei den meisten Arten unmöglich, wie Fachleute bestätigen. Wichtig ist der Erhalt des Gehölzbestandes, da gerade alte Bäume mit ihren vielen ökologischen Nischen sich nicht ersetzen lassen. Ebenso sind Ruderal- und Brachflächen erhaltenswert, die sich im Eichtal/Kratt befinden. Auf diesen Flächen finden sich Blütenpflanzen, die für viele Insekten und ihre Larven als Nahrungspfllanzen unersetzlich sind. Diese Pflanzen können auf genutzten und stark bewirtschafteten Fläche nicht existieren. Geeignete Nachbarflächen für die spezifischen Ansprüch dieser Arten sind kaum zu finden.

Bei einem für Sie positiven Ausgang: Was raten Sie den weit über 100 Interessenten, wo sie stattdessen bauen könnten? Was vermutlich ja auch Eingriffe in die Natur erforderlich machte?
Nach einem uns zugespielten Protokoll einer Besprechung auf Leitungsebene (können wir zeigen) sind vor allem potente Itzehoer daran interessiert, hier in eine weitere Immobilie zu investieren. Also keineswegs junge Familien aus Hamburg, wie z. B. auch aus der Ärzteschaft bestätigt wird. Die Interessenten sollten prüfen, ob für Sie auch der Erwerb eines bestehenden Einfamilienhauses in Frage kommt. Aufgrund der Altersstruktur von Itzehoe werden zunehmend Häuser im Bestand frei werden. Zudem sollte die Stadt innerhalb der bebauten Fläche Lückenbebauung, Verdichtung ermöglichen (im Bereich Lehmwohld-Sportplatz, auf Parkplatzflächen etc.), wo bei einer Bebauung der Eingriff in die Natur deutlich minimiert wird.

Was würde es für die Stadt bedeuten, wenn das Gebiet nicht bebaut würde und wie bewerten Sie dies?
Die Stadt hat zahlreiche Planungs- und Bausünden in der Vergangenheit begangen. Die schlimmste war das Zuschütten der Störschleife, was in dieser Form nicht reparabel ist. Hier nun würde Itzehoe ein weiteres stilprägendes Landschaftselement unwiederbringlich und unnötig zerstören. Die Bürger der Stadt haben durch ihr Votum die Chance, das Eichtal als ein einmaliges naturnahes Erholungsgebiet auch für kommende Generationen bewahren. Zudem ist ein Verzicht auf die Bebauung ein Signal an die Politik, dass angesichts von fortschreitendem Klimawandel und einem Artensterben, das bedrohliche Ausmaße annimmt, ein weiterer „Flächenfraß“ durch Bebauung von naturnahen Flächen am Rande der Stadt nicht mehr akzeptiert wird.

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  • Bauen Wohnen

    Bauen Wohnen 2018 39